Vorerst alleiniger Zweck des Vereins ist die Abwehr gegen die jetzt vollzogene Monopolisierung und drohende Gängelung des Internetabsatzes der Antiquare im deutschen Sprachgebiet durch Amazon. Dem Großverband Amazon - Abebooks - ZVAB wird eine eigene, unabhängige Verkaufsplattform entgegengestellt, deren ideeller Träger der Verein ist.

1.
Der Verein gibt sich den Namen

Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Antiquare - Antiquariatsverein -
in Deutschland, Österreich und in der Schweiz

mit der Kurzform "Antiquariatsverein".

Zweck des Vereins ist die Unterstützung einer konzernfreien, nicht weisungsgebundenen und nicht profitorientierten Verkaufsdatenbank für alte Bücher, Manuskripte, Kunstblätter mit der Möglichkeit einer Erweiterung zu Netzversteigerungen hochwertiger Bücher usw.

Mitglied kann jeder Antiquar werden, der versichert, überwiegend und beständig vom Handel mit alten Büchern, Manuskripten bzw. Kunstblättern zu leben. Geschäftsanmeldung oder Ausbildungsnachweis ist nicht erforderlich, jedoch kann die Vereinsleitung in einstimmiger Entscheidung offensichtlich ungeeignete Mitglieder ausschließen.

Die Vereinsmitgliedschaft ist jederzeit mit Wirkung zum Ende eines Jahres kündbar.

Die Vereinsmitglieder schreiben sich je nach Ertragslage ihres Geschäfts mit einem selbst eingeschätzten Jahresbeitrag ein. Er darf nicht unter 5 Euro betragen.

Die teilnehmenden Antiquare wählen in elektronischer Abstimmung drei Kollegen zum Vorstand. In allen anstehenden Fragen entscheidet der Vereinsvorstand durch einfache Mehrheit, nur bei Ausschlußverfahren oder Satzungsänderungen ist Einstimmigkeit erforderlich. Eines der Vorstandsmitglieder soll Österreicher oder Schweizer sein.

Jedes Mitglied verpflichtet sich ehrenwörtlich, alle Titel, die es in anderen Verkaufsportalen anbietet, a u c h in der gemeinsamen Datenbank des Vereins zu listen. Angebote des Antiquars, die er auf seiner eigenen Webseite anbietet, fallen nicht unter diese Verpflichtung.

2.
Übergangsbestimmungen für das Verhältnis zur bisherigen Genossenschaft (GIAQ)

Die Genossenschaftler setzen ihre Rechtsform und ihre Beteiligung an der Datenbank "Antiquariat" unverändert fort. Will ein Vereinsmitglied, das bisher nicht Mitglied der Genossenschaft ist, Anteile am Verkaufsportal erwerben, muß es der Genossenschaft beitreten.

Die Doppelmitgliedschaft bisheriger Genossen im Verein und in der Genossenschaft ist nicht nur möglich, sondern als Regelfall erwünscht.

Ob und wie die Genossenschaft in eine Vereinsform überführt wird, mit Umwandlung der Genossenschaftseinlagen in einfache Kapitalbeteiligung an der Verkaufsplattform, bleibt den Genossenschaftsmitgliedern überlassen.

3.
Der Verein hat kein Weisungsrecht an die Verkaufsplattform "Antiquariat", wohl aber darf und soll er mit einfacher Mehrheit Empfehlungen aussprechen. Die Datenbank wird solchen Empfehlungen in der Regel nachkommen.

Jedes Mitglied wirbt auf Briefbögen und auf seiner Webseite mit dem Logo "Mitglied des Antiquariatsvereins in Deutschland, Österreich und in der Schweiz".

Zur internen Kommunikation wird eine nichtöffentliche Mailingliste nach Vorbild der früheren "Hess-Runde" verwendet. Die dadurch erforderliche strenge Schriftform ist geeignet, den Stil der Kommunikation auf einem hohen Niveau zu halten, sie erleichtert auch die fortlaufende Ablage der Korrespondenz durch jedes Mitglied.



Die alten Herren vom FC Germania 07 werden humorvoll genug sein, um uns die Ausleihe ihres Jubiläumsfotos nicht übel zu nehmen. Bild wird auf formlose Anforderung hin entfernt.




Es geht darum, einfache Sachverhalte verstehbar darzustellen. Auch auf die Gefahr hin, schnöder Versimpelung verdächtigt zu werden.

Welche Prozentzahlen des Internetabsatzes der nun entstandene Amazon-Abebooks-ZVAB-Haifisch abdeckt, kann ziemlich genau abgeschätzt werden, wenn man den Unschärfefaktor "Ebay" außen vor läßt. Hier ist der Absatz ja gesplittet in echte Versteigerungsware und Ladenware zu Festpreisen, noch weiter kompliziert durch Preisvorschläge und (in Vorbereitung) "Inserate". Vernünftige Zahlen hierzu gibt es nicht, auch weil die Ebay-Antiquare eher eine Sonderstellung in Angebot und Geschäftsauffassung einnehmen, mithin untypisch sind für das Antiquariat. 8-15 % des Internetabsatzes dürften auf Ebay entfallen.

Die Existenz der Büchersparte von Ebay übrigens, in solchen Dingen dürfen Sie mir vertrauen, wirkt sich in der Frage einer juristischen Klärung der Monopolfrage der neuen Amazonkrake verheerend aus, denn anders als die marginalisierten anderen Datenbänklein kann Ebay von Amazon als Gegenbeweis herangezogen werden - schaut her, das Monopol besteht ja gar nicht, Ebay ist da.

Wir könnten schon begründen, warum und inwiefern Ebay mit Amazon aus der Sicht des Antiquars nicht vergleichbar ist, aber das versteht kein Richter. Bitte lasset jeden Gedanken an eine Monopolklage fallen. Es hat keinen Sinn und bindet nur Kräfte, wirkt aufschiebend und verhindert energisches Handeln j e t z t.

Der Amazon-Haifisch deckt rund 80 - 90 % des Internetabsatzes antiquarischer Bücher im deutschen Sprachraum ab. Ich warne noch einmal, aus fremdsprachiger Literatur, von internationalen Dienstleistern, durch Auslandskooperationen irgendetwas erreichen zu wollen. Da müssen die bibliophilen Spitzenantiquare umdenken, denn ihre Internationalität betrifft die anderen Antiquare ganz und gar nicht. Der deutschsprachige Altbuchmarkt ist eisern eingegrenzt auf sich selbst - weshalb sich jedes Monopol hier grausam auswirkt, ganz anders als im Universum der Weltsprachen.

Wenn wir gerade beim Zerstören von Illusionen sind: Ganz sicher wäre ein organisierter Webseitenverbund eine echte Chance gewesen. Die Teilnehmer waren aber aus dem Tiefschlaf nicht aufzuwecken, auch ich habs aufgegeben. Wenn Kollegen einfach nicht wollen, kann man sie schließlich nicht zum Jagen tragen.

Die Qualität der Antiquariats-Webseiten sehe ich etwas positiver als Parduhn. Gerade weil ich einige davon kritisch unter die Testlupe genommen hatte, die betreffenden Antiquare erinnern sich mit Schaudern daran, sehe ich überwiegend ein löbliches Engagement. In anderen Branchen sind die Webseiten auch nicht viel besser; der Kunde akzeptiert vieles geduldig.

Nur eben hat die unerbittliche Statistik gezeigt, daß der Absatz im Antiquariat über Geschäftswebseiten in aller Regel zwischen 3 und 15 Prozent des Gesamtabsatzes der Firma dahindümpelt und sich der Aufwand, sofern man ihn nicht unter "Imagepflege" verbuchen will, einfach nicht lohnt. Das mag damit zusammenhängen, daß die einzelne Webseite nicht gefunden wird im Netz. Die Versuche, Portalseiten, Vernetzungen, Findemittel zu bauen, sind einfach viel zu ungeschickt gewesen, ich sah das wieder letzte Nacht, als ich für meinen Aufruf aus der Prolobri/Antiquariat-Übersicht einige Webadressen herauskopieren mußte. Gut gemeint, aber webtechnisch nicht wirksam gemacht.

Überhaupt ist es für alle Maßnahmen solcher Art jetzt zu spät. Um im Netz mit etwas Neuem zum Tragen zu kommen, sind Vorlaufzeiten von Monaten, wenn nicht von Jahren notwendig.

Ich bitte jene Kollegen, deren Absatz über Messen, über schöne Kataloge und pfiffige Listen, über angesehene Ladenantiquariate läuft, zweierlei zu bedenken:

Sie gehören in aller Regel zu den tonangebenden, man darf sagen f ü h r e n d e n und meinungsbildenden Schichten des Gewerbes. Das legt ihnen eine Verantwortung auf, auch für ihre kleineren Kollegen zu denken, zu planen und zu handeln. Geschieht das nicht, dann werden die Geschicke des deutschen Antiquariats weiterhin gelenkt durch solche Antiquare, die den status quo eigentlich ganz erfreulich finden, denen die Monopolverhältnisse in Bücherportalen wenig Kopfzerbrechen bereiten - und die aus ihren 10 % Gewerbeanteil heraus die restlichen 90 % der Antiquare mit deren Sorgen und Nöten im Regen stehen lassen.

Neben dieser Verantwortung, an die zu erinnern Anlaß ist, muß ich die Spitzenantiquare auch bitten, sich ein Szenarium vorzustellen, in dem, warte nur balde, auch ihre Interessen durch eine weitere Verlagerung hin zum Netzabsatz empfindlich gestört werden, wenn e i n e Krake den Netzabsatz im deutschen Sprachraum beherrscht. Auch sie sind vor kommenden Entwicklungen nicht gefeit, die vermutlich den Internetverkauf weiter beflügeln werden.

Auch sind meine Ideen, die ich in meinen Vorgängerblogs (und bis zur Sperrung der Kommentarfunktion für alle Antiquare unlängst im Börsenblatt-Netzdienst) zum Thema einer kommenden Verlagerung unseres Auktions- und Messewesens ins Internet dargelegt hatte, auf eine Aufmerksamkeit gestoßen, die ich so nicht erwartet hätte. Wenn mich mein alter Zeitungsinstinkt nicht täuscht, habe ich damit in ein Wespennest gestochen. Dieser Gedanke wird zur Zeit von mehreren Seiten her durchgeplant - und auf eine oder andere Weise würde ihn die neue Krake verwirklichen - schon weil sie den Generalangriff auf Ebay plant. Was alles bedeutet, daß sich auch die jetzt noch vom Netzabsatz unabhängigen Edelantiquare sehr energisch um die Brechung des neu entstandenen Amazon-Monopols kümmern sollten.

Das für uns nun notwendige technische und taktische Vorgehen liegt auf der Hand, ich hatte es vorgestern hier schon dargestellt, fasse es nochmals zusammen.

Anders als noch vor wenigen Jahren ist die technische Planung und Unterhaltung einer Bücherdatenbank kein Hexenwerk mehr. Im Prinzip kann jede ordentliche Verkaufsdatenbank herangezogen werden. Ich halte, mit eher geringen Einschränkungen, Prolibri/ Antiquariat für gut geeignet, wenn eine unabhängige Datenbank der Antiquare gegründet werden soll.

Der Absatz eines Altbuchportals ist fast ausschließlich abhängig vom Image, vom Bekanntheitsgrad im Netz, von der Finde- bzw. von der Ermittlungsmöglichkeit durch mögliche neue Altbuchkäufer und der Nutzungsfreude, der Gewöhnung und Beliebtheit durch/bei eingewöhnten Altbuchkäufern, Bibliotheken usw.

Es ist daher ungeheuer wichtig, jetzt nicht hastige Überlegungen anzustellen, was eine "neue" Datenbank auszuzeichnen habe, womit man sie technisch-taktisch beflügeln, anstoßen könnte. Allen solchen Versuchen gegenüber muß man betonen: Die geeignete Datenbank ist schon da, sie hat zwar die falsche juristische "Verfassung", aber das macht zunächst einmal rein gar nichts aus.

Jede, aber auch jede Überlegung muß sich darauf richten, wie die neue Datenbank b e k a n n t und b e l i e b t werden kann. Das ist, wir führten es gerade aus, keine Frage irgendwelcher technischer Vorzüge gegenüber dem ZVAB oder (gar) gegenüber Abebooks. Sondern es ist eine Frage der Bekanntheit, der S y m p a t h i e im Netz. Was wir jetzt durchdenken müssen, richtet sich ganz ausschließlich auf

*Netz - P s y c h o l o g i e.

Auch sollten wir uns einrichten auf Winkelzüge des neuen ZVAB und von Abebooks. Wir wurden vom ZVAB, sagen wir es juristisch wasserdicht, "etwas getäuscht" bezüglich seiner beabsichtigten Unabhängigkeit. In ähnlicher Weise wird man uns in den kommenden Wochen "etwas täuschen". Da mag dann sogar ein Unabhängigkeitsrat für das neue ZVAB gegründet werden, mag den Antiquaren feierlich versprochen werden, es gebe nun wieder einen "Beirat" und was andere Maßnahmen sein mögen, die alle nur ein Ziel haben, V e r n e b e l u n g. Bis dann, zwei Jahre später, der Hai das Maul wieder einmal aufreißt, das ZVAB verschwindet und bald auch Abebooks.

Dann sind wir Amazon-Knechte und seufzen in der Amazon-Galeere an den langen Rudern.

Der Plan, den ich vorgestern in diesem Blog dargestellt habe, ist ebenso einfach wie, gestatten Sie die tadelnde Feststellung, längst überfällig, ganz unabhängig von der aktuellen Lage. A l l e Antiquare im deutschen Sprachbereich (wobei "alle" immer nur ein größerer Teil sein kann angesichts der zerklüfteten Gewerbestruktur) bilden einen ganz bewußt l o c k e r gestrickten V e r e i n. Dieser Gesamtverein ist der neue Träger der Datenbank. Von Bedeutung sind nicht die Beiträge, die man ganz freistellen sollte in der Höhe, Mindestbeitrag 5 Euro, sondern es geht um die P s y c h o l o g i e. Die neue Verkaufsdatenbank ist d i e Datenbank a l l e r Antiquare im deutschen Sprachbereich.

Von hier aus wird ein gnadenloser psychologischer Kampf zu führen sein, möglichst s o f o r t beginnend, um das Image bei den Sammlern, in der kulturellen Welt überhaupt, in den M e d i e n.

Nur die Verkaufsdatenbank d e r Antiquare in Deutschland, Österreich und in der Schweiz kann in letzter Stunde noch das drohende Würgemonopol brechen.

Ich warne, wohl wissend weshalb, ganz dringend davor, sich jetzt auf lange Klärungen einzurichten, Mitgliederversammlungen abzuwarten, juristische Querelen abwickeln zu wollen - Gott gnade uns - das Genossenschaftsrecht -, mit Hilfskonstruktionen wie einem assozierten oder sonstwie angepappten V e r e i n können und müssen wir alles schnellstens und improvisiert angehen.

Da ich persönlich keinerlei Befugnisse habe, muß ich an die werten Kollegen appellieren. Sprecht die Verantwortlichen in den Verbänden und Gruppen an, laßt nicht locker, hört nicht auf Vertröstungen, werdet mißtrauisch, wenn "demnächst etwas geplant" oder "bis zum Herbst abgewartet" werden soll. Vergeßt auch nicht, daß die Amazon-Abebooks-ZVAB-Krake Geld hat wie Heu und nicht jeder Kollege, der zum "Zuwarten" rät, das aus selbstlosen Gründen tut.

Wer sich Illusionen über die Geschäftspolitik des Amazon-Konzerns macht, der lese die letzten Jahrgänge des Börsenblatt-Netzdienstes daraufhin durch...


Samstag 15 Uhr: Eben will ich, noch immer unter einer schweren Grippe seufzend, zum ersten Mal wieder den Gang auf den Münsterplatz unternehmen, da entdecke ich Parduns zweiten aktuellen Beitrag. Werter Herr Pardun, was soll das?

Ihre Ideen erinnern mich an die jenes Herrn aus Oberfranken, der von der Apothekenwerbung zum Antiquariatsmarketing herübergewechselt war und dem die Lage in unserem Gewerbe, wie ich fürchte, heute noch nicht recht klar ist. Von Ihnen als gestandenem Kollegen aber fordere ich ein praktisches Verständnis für das Antiquariat ein.

Wie kommen Sie nur auf die Idee, neue Marketingkonzepte einzufordern ausgerechnet in einem Augenblick, da unsere traditionelle, bei den Kunden eisern zementierte, eingewöhnte, eingeübte Absatzschiene in eine Ägyptische Gefangenschaft weggeführt werden soll?

Wir haben dafür weder Zeit noch Geld noch einen freien Kopf dafür. Sie können daran doch nichts ändern, daß je nach Geschäftsstruktur weit über 3/4 aller Antiquare am Tropf des ZVAB-Abebooks-Konzerns hängen, auf Gedeih und Verderb! Der Käufer kann allenfalls, mit unendlicher Mühe, zu einer anderen Datenbank hingelockt, hingeführt werden. Dies ist die äußerste Möglichkeit, die wir in absehbarer Zeit haben. Wir b r a u c h e n Abebooks-ZVAB - oder nun den eigenen Prolibri/Antiquariat-Datenbank-Apparat - ganz einfach zum Ü b e r l e b e n.

Ihre Reformpläne aus Teil 1 und 2 Ihrer Ausarbeitung gehören nicht in die gegenwärtige Diskussion. Das Haus brennt lichterloh, wer wird da Architekturpläne auf dem Wohnzimmertisch ausbreiten! Schenken Sie uns einen Teil 3 mit praktisch nutzbaren Ideen, bitte.


Das Foto gehört MGM, es wird auf einfache Aufforderung hin sogleich entfernt. (Charlton Heston in Ben Hur). Wir danken für die Verwendungsmöglichkeit




Aufruf an alle Antiquare und Büchersammler im deutschen Sprachbereich



ZVAB, Abebooks und Amazon sind nun Eigentum eines Weltkonzerns

Die Antiquare im deutschen Sprachbereich verlieren ihre Handlungsfreiheit

Antiquare, befreit euch aus dem drohenden Würgegriff des Amazon-Monopols

Geschätzte 90 % der Netzportale der deutschen Antiquare gehören jetzt zum Amazon-Konzern

Aufruf zur Neugründung einer unabhängigen Verkaufsdatenbank im Eigenbesitz aller Antiquare

Freie Antiquare gegen die Monopolisierung des deutschen Altbuchverkaufs durch Amazon

Wenn Ihr jetzt nicht handelt, habt Ihr keine Chance mehr, selbstbestimmt im deutschen Markt zu verkaufen


Informiert Euch über den Sachverhalt:

http://www.boersenblatt.net/417418/template/bb_tpl_antiquariat/
http://antiquariatszeitung.blogspot.com/2011/03/ein-freundliches-monopol-und-seine.html




1.
Ein kleines Branchenblatt für Händler und Sammler im Antiquariat leidet, wenn es vorschnell auf Aktualität hin ausgelegt wird, bald an Auszehrung. Es gibt in der Tagesabfolge wenig Neuigkeiten, die wirklich berichtenswert sind, man darf die Geduld der Leser auch nicht mit Themen plagen, die sich bei näherem Hinsehen als gequälte, künstlich erzeugte Neuigkeiten entpuppen.

Interviews von Kollegen und - bisher sträflich vernachlässigt - von Sammlern können auch nur hin und wieder Eingang finden, viele Kollegen sind wenig redefreudig, die Sammler halten sich aus mancherlei Gründen noch mehr bedeckt als das Gewerbe, das sie beliefert. Webseitenkritiken, meine ganze Freude, erregen böses Blut und sind, wie ich hören mußte, bestgehaßt bei den werten Mitantiquaren. Auch mein Ausweg, längere Exkursionen ins Bibliothekswesen zu veranstalten, wird nur in Grenzen geschätzt, denn die Bibliothekswissenschaft ist ein schwieriges Feld, das Vorwissen erfordert. Fehlt es, dann erscheint die Materie von außen reichlich öde. Noch mehr gilt das für das Dokumentationswesen, die ich gleichfalls gern einbeziehen würde. Wer eine Schwäche hat für die Aus- und Irrwege des Dokumentierens im Internet-Zeitalter, der verfolgt die Fortschritte dort gern, aber auch hier ist die Schar der Interessierten reichlich schütter.

So geriet bisher fast jeder Versuch, Aktualität im Antiquariat herzustellen, zu einem Fiasko. Wer die Versuche in den letzten 40 Jahren, eine Antiquariatspresse auf die Beine zu stellen, vor seinem inneren Auge Revue passieren läßt, muß trübsinnig werden. Einzig dem geistigen Vorläufer des ZVAB, jenem sauber gedruckten Anzeigenblättchen, das jahrelang in den Ladengeschäften auslag, war ein wenn auch bescheidener Erfolg vergönnt.

Biesters "Aus dem Antiquariat" nimmt eine Sonderstellung ein, da es eher den klassischen Blättern für Bibliophilie und Bücherkunde entspricht und geruhsam mit langem Atem daherkommt. Sein Börsenblatt-Netzdienst ist das einzige Beispiel für gelungene Kontinuität in der tagesaktuellen Branchenberichterstattung, freilich eingezwängt in eine enge äußere Form, die, so hat es den Anschein, nicht verlassen werden darf. J e n e s Blatt, das Biester uns bringen würde, wenn er von der Form her dürfte, wie er will - d a s würde ich gern lesen.

Noch eine Randbemerkung zum "Antiquariatsanzeiger" und zum "Soloantiquar". Kollege Stormchens Antiquariatsanzeiger verdanke ich die Idee zur Rubrik "Unter uns" oder auch "Meinungsbeitrag", die bei mir einen festen Platz einnehmen soll. Denn so anregend und tapfer sein Versuch eines Fachmediums auch war, er hat mich zur Raserei gebracht mit seiner Unlust, seiner Verweigerung, selber zur Feder zu greifen. Er wollte einfach nichts schreiben! Die Leser wünschen aber, diese leise Mahnung geht auch an Dr. Biester, ein Stück persönlicher Dramatik zu sehen. Man sitzt als Leser gemütlich im Halbdunkel des Zuschauerraums und wartet mit freundlicher Neugier darauf, daß sich der Redakteur die Heldenbrust freimacht und sein Lebens- und Glaubensbekenntnis deklamiert, möglichst in Versen. Der Leser, der Zuschauer hat ein Recht darauf, im beständigen Kamingespräch mit dem Redaktor zu sein und Intimes von ihm zu erfahren. Wem diese Spur Theaterlust fehlt, der sollte nicht schreiben.

"Soloantiquar" gibt mir je länger je mehr Rätsel auf. Während Werbefachmann und Neuantiquar Weinbrenner eher publizistisch-ökonomische Interessen gehabt haben dürfte (auch von ihm haben wir viel Aktivität, aber nur wenige Zeilen Text gesehen), während wir ferner einem umtriebigen "Mach was mit Büchern"- Herrn noch etwas Zeit geben wollen, älter und erfahrener zu werden, ist mir Kollege Pardun mit dem "Soloantiquar"/ "Journal für Antiquariat und Antiquariatskunde" ein wandelndes Rätsel. Ich kann ihn nicht einordnen, wie immer ichs auch anfangen möchte. Ich muß nun kollegial-lehrhaft werden und feststellen, daß er zu umständlich schreibt. Man will auch gelesen werden - seine Texte kann man zwar studieren, aber nicht durchlesen. Was die Grundkonzeption seines Netzblatts betrifft, rate ich ferner zum Zurückfahren diverser technischer Spielereien. Antiquare wie auch Sammler sind erzkonservativ. Auch Biester mußte Aktionen wie seinen Twitter-Dienst in börsenblatt.net wieder einstellen. Automatisch generierte Texte tuns nicht, Schreiben tuts freilich, wenn ich den alten Pfarrer Kneipp zitieren darf.

2.
Worin besteht denn nun der Ausweg, nach dem wir am Anfang des heutigen Meinungstextes gesucht hatten? Wie kann ein Branchendienst Lesefutter herbeischaffen, ohne "Aktualitäten" zu quälen?

In unserem Fall liegt die rettende Idee auf der Hand. Unser ganzes Gewerbe, unser Sammelgebiet, ist rückwärtsgerichtet. Das Tagesaktuelle tritt für den Händler und den Bibliophilen in den Hintergrund immer dann, wenn er sich seiner Ware, seinen Objekten zuwendet. Es geht um V e r g a n g e n e s.

Also muß man sich an die Auswertung retrospektiver Quellen machen. Fachaufsätze von 1890 oder 1930 sind fast so tageswichtig für unsere Arbeit, als wenn sie heute geschrieben wären. Zwar ist die Forschung inzwischen ein Jahrhundert fortgeschritten, aber erstens sind in dieser Zeitspanne viele kleine Ergebnisse und Erkenntnisse wieder untergegangen und zweitens enthalten die alten Aufsätze oft originelle Gedanken, die seither nicht weitergesponnen worden sind.

Die technische Quellenlage ist nicht nur betrüblich, sie ist schrecklich. Zu einem Großteil befinden sich die Aufsätze, die Sammler und Antiquare gern lesen würden, nicht in den bibliophilen Blättern, sondern sie fanden damals ihren Platz in den Feuilletons der großen Zeitungen und in den "Kulturzeitschriften" jener Zeit. Dort sind sie schlicht und ergreifend - verschollen. Man kann sich mit dem "Dietrich" und anderen Quälinstrumenten mühsam von Aufsatz zu Aufsatz hangeln, findet die Quellenblätter vielleicht sogar in seiner Bibliothek, darf sie dann aber nicht selber ablichten, muß sich mit Readerprintern abplagen, sofern sie verfilmt sind. Und das sind erst die Anfänge jenes Schreckensbildes, das sich vor dem Laien auftut, wenn er die verschollenen kleinen Schätze seines Faches heben will. Es ist nämlich, bei näherem Hinsehen, alles noch viel schwieriger und noch viel schlimmer...

Nimmt man dem Fachkollegen, dem Fachsammler diese Mühe ein Stück weit ab, dann wird sich der, man darf es hoffen, darüber freuen. Tagesaktualität wird ersetzt durch "neu" ausgegrabene Artikelfunde!

Wie aber bietet man sie dar? Jedenfalls nicht mit einer "Bibliographie". Es grenzt an physische Grausamkeit, wenn uns, wie unlängst geschehen, Biester eine schöne Bibliographie der Aufsätze in "Aus dem Antiquariat" seit olims Zeiten bietet, dann aber keine Möglichkeit besteht für den Leser, dem das Maul wässrig gemacht worden ist, die Originaltexte einzusehen. Bei einer relativ seltenen Fachzeitschrift wie dem Börsenblatt-Ableger ist das völliger Unsinn in einer Zeit, die per Internet und Digitalisierung sekundenschnellen Zugang zu den erfaßten Texten bieten sollte, könnte, müßte, würde - ja, eben, wenn das organisiert wird.

Wie nun, das ist die Frage, kann ein handgestrickter und preiswerter Zugang zu erfaßten Fachtexten ermöglicht werden? Ich stelle Ihnen heute einen (von mehreren) Lösungswegen vor und bitte um möglichst offene Kritik.

Zuvor sind noch einige Anmerkungen zu machen. Ich wähle in Zukunft als letztes Erfassungsjahr 1932. Das ist bei geisteswissenschaftlichen Texten im deutschen Sprachbereich sinnvoll, weil schlagartig 1933 mit dem Einzug der Schande und des Irrsinns in das deutsche Geistesleben auch eine Verfälschung und Verödung der meisten Texte stattfand. Österreich und die Schweiz müssen da eben mitleiden... - Zum Urheberrecht habe ich, man weiß es vielleicht schon, entschieden radikale Standpunkte, ich möchte es in engsten Grenzen halten. Soweit ich nicht rasch feststellen kann, daß der jeweilige Verfasser erst nach 1940 verschieden ist, veröffentliche ich sein Material, in allen Grenz- und Zweifelsfällen veröffentliche ich den Text auch, halte mich aber bereit, ihn auf einfache Anforderung hin wieder zu entfernen. Notabene spreche ich jetzt nur von A u f s ä t z e n; bei Monographien würde ich so leichtfüßig nicht vorgehen wollen.

Ich versuche, die Artikel als Google-Picasa-Bilder zu bringen. Dies bedeutet, daß der Nutzer, wenn er das wünscht, die Bilder *vergrößert* dort aufrufen kann, er kann sie sich auch mühelos auf die eigene Festplatte kopieren, noch eleganter geht das, wenn er selber ein Picasa-Webalbum hat (wozu ich ihm nur raten kann). - Die Vorlagen aus der "Literarischen Beilage zur Kölnischen Volkszeitung" sind auf billigstem braunem Holzpapier mit unscharfen Frakturmatern gedruckt, sie stellen so ziemlich den größten Schwierigkeitsgrad einer Reproduktion dar. Dagegen sind die Vorlagen aus der altbekannten "Zeitschrift für Bücherfreunde" trotz unmittelbarer Nachkriegszeit perfekt gedruckt auf hochweißem Kartonpapier.

Da es mir heute nur um die technische Umsetzung der Scans geht, improvisiere ich die dazugehörigen bibliographischen Angaben bis herunter auf magere Titelstichworte. Es geht uns heute nur um die technische Umsetzung - ich bitte um Kritik.

Eben sehe ich (15.15 h) , daß die Lesequalität völlig unbefriedigend ist. Ich versuche eine bessere Scanauflösung und veröffentliche die (hoffentlich) besseren Bilder gegen 16 Uhr.

16 Uhr und allerlei mühsame Versuche absolviert > Auch mit doppelter Auflösung wird die Lesbarkeit nur wenig besser. So einfach läßt sich die Sache also nicht verwirklichen. Was tun?


Je nach Browser werden offenbar die folgenden Stichworte nicht unterstrichen - auch Google darf mal Unfug treiben. Deshalb die Bitte: Klicken Sie die folgenden Stichworte an, es sind alles Links zum Picasa-Webalbum.

Westfälisches Zeitungswesen

Martin von Cochem

Simplizissimus

Frankfurter Gesangbücher

Deutsche Presse 1810


Ältere Buchbinder

Bücherlesemaschinen

Rupprecht-Presse


Für das reizende Schatzgräber-Bild von Kutzer danke ich dem Goethezeit-Blog




Grenzwertrechnungen im Antiquariat

Teil 1: Ältere Bücher vor 1940 als Gebrauchsbücher (nicht Sammlerbücher)


Wir erhalten in absehbarer Zeit ein kombiniertes System, das die Millionen digitalisierter älterer Bücher in Druckvorlagen umwandelt und über den häuslichen Laserdrucker ausgibt. Dann noch eine Klebebindung mit Chromokartonumschlag und vorbereiteter Rückenleimung, rasch erhitzt und fest verklebt, schon ist das A4-Buch auf dem Arbeitstisch zuhause oder im Büro fertiggestellt.

Die Programmierung wird unabhängig vom Format des Originalbuchs für eine ästhetische Regal-Anordnung im A4-Format sorgen.

Dieses System wird demnächst kommen, weil es sozusagen schon da ist, machbar ist und gebraucht wird. Es wird sich sehr schnell und äußerst preiswert durchsetzen.

Google wird seine absurde, übervorsichtige Europa-Eingrenzung zum Jahr 1900 aufgeben und bis etwa 1940 (fast) jedes Buch digitalisiert bereithalten. Das Europarat-Projekt wird ein übriges dazu tun.

Die Drucke werden in der Umsetzung nicht zwangsläufig schlechter, sie können durchaus auch etwas vergrößert und glasklar erscheinen, sogar lesefreundlicher sein als das historische Original. Das Format A4 ist zwar sperrig und im Bücherschrank nicht unbedingt "schön", bietet aber für jede Arbeit mit den Texten den idealen, altgewohnten Schreib- und Ablagestandard.

Bei der Herstellung solcher Drucke können wir bestimmte Normwerte ablesen, die bei Grenzkalkulationen im Antiquariat der Zukunft eine große Rolle spielen.

Eine typische Buchseite bei älteren Texten lasse sich in A4 etwa 1,5 x graphisch umsetzen. Dann entspricht ein Original von 100 Seiten 65 Seiten A4, 200 Seiten im Original entsprechen 130 S. A4 und 300 Originalseiten werden in 200 Seiten A4 lasergedruckt.

Je Seite A4 treten bei doppelseitigem Druck Druckkosten für 1 Seite (Kyocera 1,5 cents) und Papierkosten für 1/2 Seite (1 cents) auf. Hinzu kommt ein vorgefertigter rückengeleimter Chromokarton zu 0,50 Euro, Stromkosten für Heißklebebindung und Laserdruck mögen bei 0,20 Euro liegen.

Der Zeitaufwand für Druckeinrichtung, Drucküberwachung und Heißklebung möge 5 Minuten betragen, bei einem Stundenlohn von 24 Euro (unteres Akademikerniveau) entspricht das 2 Euro.

Die gesamten Kosten zur häuslichen Herstellung eines gebundenen System-Laserbuchs betragen also bei einem Seitenumfang des Originalbuchs von

100 Seiten ... 4,35 Euro
200 Seiten ...6,00 Euro
300 Seiten ... 7,70 Euro

Diese Beträge sind also die direkten und indirekten Kosten, die der Kunde bei Selbstherstellung des Buchs hat. Eine Reihe weiterer Faktoren heben sich gegenseitig auf, besonders wichtig ist dabei die sofortige Verfügbarkeit des Buchs bei der Selbstherstellung - im Gegensatz zur zeitaufwendigen Besorgung im Laden oder der Bestellung und Bezahlung im Internet, der Entgegennahme der Sendung, dem Auspacken, der Buch- und der Rechnungskontrolle. Das echte alte Buch ist authentischer, dagegen kann man mit dem A4-Standardbuch oft besser arbeiten, es wirkt sauberer, frischer. Das echte Buch ist oft vom Rücken her leichter aufzufinden im Regal, läßt sich im Gegenzug weniger gut einordnen als das heißgeklebte Chromokarton-Buch im Standardformat.

Wir können, Versand als Büchersendung und billigste Verpackungswahl vorausgesetzt, den Vorteil der Authentizität des Originalbuchs in etwa mit den Versandkosten, die der Kunde ja bezahlen muß, gleichwertig setzen - immer vorausgesetzt, daß es sich nicht um Sammlerbücher handelt. Diese durchschnittlich knapp 2 Euro Versandkosten kann ihm die bessere Handhabbarkeit des Originalbuchs wert sein.

Das ergibt als zukünftige Wertobergrenze für Gebrauchsbücher, die keinen Charakter als Sammlerbücher haben (können), aufgerundet 5 - 10 Euro, je nach Umfang.

Setzen wir den Zeitaufwand des Antiquars im Ankauf mit 30 Sekunden an, bei der Bearbeitung und Sortierung/ Lagerhaltung mit 4 Minuten und bei Versand und Fakturierung mit 5 Minuten, dann ergibt sich ein Zeit- und Lohnkostenaufwand

wenn 30 % aller Titel verkauft werden ... 18 Minuten ...4,50 Euro
wenn 20 % ...28 Minuten ...7 Euro
wenn 10 % ...50 Minuten. ...13 Euro

Die Verkaufs- bzw. Portalgebühren bleiben unberücksichtigt. Die Arbeitszeit des Antiquars bzw. seiner Hilfskraft werden mit 15 Euro angesetzt. Die Arbeitskosten sind oben in der dritten Spalte vermerkt.

Daraus ergibt sich nun, daß der Handel mit Gebrauchsbüchern für den Antiquar schon in sehr naher Zukunft nicht mehr lohnend sein wird. Das Ergebnis ist zwingend und nicht diskutierbar, auch weil der Absatz von Gebrauchsbüchern unter die 20 %-Marke fallen wird, sofern er nicht jetzt schon darunter liegt.

Dies wiederum zwingt den Antiquar, aus welchen Ankaufsquellen auch immer er sich versorgen mag, dazu, sich in Zukunft ausschließlich mit Sammlerbüchern zu beschäftigen.

Was aber sind Sammlerbücher, wie kann er Sammler finden, ihre Interessen fördern, ihr Hobby mitpflegen? Das ist die Kernfrage des gesamten Antiquariats in den nächsten Jahren.

Die oben aufgeführten Zahlen muß jeder Kollege als Menetekel an der Wand geschrieben sehen, bei allem, was er unternimmt.

Bildquelle: Bundesarchiv Bild 183-29576-0001, Magdeburg, Pioniere sammeln Altpapier.jpg





Einstweilen sehen Sie von der kommenden ANTIQUARIATSZEITUNG nur das Herzstück, den nach Möglichkeit täglich erscheinenden Meinungsbeitrag aus der Feder des Redakteurs. Die Blogform soll aber nur ein Übergang sein hin zu einer kleinen Gewerbe- und Kundenzeitung.

Wir wollen auf dem Erdboden bleiben. Komplizierte Analysen, mit Fremdwörtern und Schachtelsätzen überladen, nützen dem Antiquar ebensowenig wie allzu persönlich gefärbte Diskussionen. Aber es ist auch wenig gewonnen mit den derzeit so beliebten Berichtsfeldern, den womöglich automatisch generierten Branchenfachdiensten, die durch ihre Unordnung die Vorstellung eines Chaos hervorrufen, durch das sich niemand kämpfen mag.

Mit der Esoterik des Antiquariats haben wir es auch nicht. Dafür gibt es Bibliophilenblätter und allerlei hochgestimmte Kollegen- und Sammlerblogs. Der Antiquar, seufzend unter seiner höchst prosaischen Tagesarbeit, neigt ja dazu, die spärliche Freizeit für anspruchsvolle Kunst- und Geistesbetrachtungen zu verwenden. Die Ergebnisse sind, man verzeihe mir, oft nicht recht herzeigbar. Schreibenden Chirurgen und Kernphysikern geht es auch nicht anders.

Der führende Branchendienst, das Börsenblatt, Sparte Antiquariat, hält sich bewußt knapp, bietet eine wichtige Grundlage, läßt den Leser aber meist ungesättigt zurück. Händler wie auch Sammler haben Lust auf mehr.

Diese Zusatznahrung wollen wir ihm bieten. Die Domain der neuen Gewerbezeitung läuft mit Rücksicht auf die Antiquare in Österreich und in der Schweiz unter www.antiquariatszeitung.com, ich bitte den Titel aber auch in Deutschland zu respektieren.

Nun stellen Sie sich bitte ein recht übersichtliches Zeitungsfeld mit mehreren Spalten vor; rechts oben, am klassischen Kommentarplatz, lesen Sie den ersten Meinungsbeitrag.

***


Ein freundliches Monopol und seine ahnungslosen Opfer
Die Antiquare des deutschen Sprachbereichs im Würgegriff des Weltkonzerns "Amazon"


1.
Die Fakten dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Vor zwei Jahren kaufte Amazon Abebooks, die international führende, hochangesehene Verkaufsdatenbank für gebrauchte Bücher. Abebooks durfte offiziell separat weiterarbeiten, bei näherem Hinsehen aber wurde Abebooks, wie sollte es anders sein, vielfältig verknüpft mit Amazon. Nun kaufte Abebooks gestern das ZVAB, die traditionsreiche und neben Abebooks immer noch bedeutendste Verkaufsdatenbank für alte Bücher im deutschen Sprachgebiet.

Das etwas verwirrende Bild läßt sich, von Milliarden- nach Millionenumsätzen herunterwandernd, am besten darstellen mit drei Fischen, die sich nach Größenordnung auffressen: Der Haifisch Amazon frißt gerade den Hecht Abebooks, gleichzeitig frißt Abebooks nun die Forelle ZVAB.

Man muß mit Schätzungen vorsichtig sein, darf aber, auch mit Hilfe der nützlichen w+h-Statistik, derzeit von einem 75 %-Anteil der neuen Super-Mutti Amazon-Abebooks-ZVAB am Altbuch-Internetverkauf im deutschen Sprachgebiet ausgehen. Dieses monopolartige Ergebnis wird noch weitaus düsterer, wenn man berücksichtigt, daß Ebay (10-15 % Marktanteil) in seiner Büchersparte nur bedingt vergleichbar ist mit ZVAB/ Abebooks und daß die kleinen, verbleibenden Portale den Markt strukturell, von ihrer Bekanntheit her, bisher nicht durchdringen konnten.

Für den Antiquar, der vom Altbuchverkauf leben muß, bedeutet dies, daß er keine echte Ausweichmöglichkeit hat und dem Kombi-Monopol der beiden Amazon-Töchter ausgeliefert ist - quasi zu 100 %.

Um gleich eines klarzumachen: Die deutsche Monopolbehörde wird nicht eingreifen können. Ich hatte, durch einen auch heute noch geheimzuhaltenden Berliner Kollegen mit internen ZVAB-Dokumenten versorgt, vor etwa acht Jahren ein Monopolverfahren gegen das ZVAB angestrengt. Das ZVAB war damals, eigenen internen Aussagen zufolge, bei über 80 % Marktbeherrschung gewesen (wenn ich mich recht erinnere) und Ebay spielte noch gar keine Rolle. Trotzdem kam das Verfahren nicht in Gang.

Also gibt es heute keine reale Chance, daß in Berlin anders entschieden würde, denn nun kann Ebay als Entlastungsgrund herangezogen werden. Es wird ein Ding der Unmöglichkeit sein, der Kartellbehörde klarzumachen, weshalb Ebay als Bücherportal den anderen Portalen nicht vergleichbar ist. Durch solche Klagen verliert man nur Zeit - Zeit, die wir nun dringend anders brauchen und nutzen müssen.


2.
Als Abebooks durch Amazon geschluckt worden war, hatte ich als einsamer Rufer in der Wüste seitenweise und, wie es so meine Art ist, höchst dramatisch davor gewarnt, daß nun natürlich Amazon über Abebooks auch das ZVAB kaufen - und so das Monopol für den Buchabsatz im deutschen Sprachbereich erlangen werde. Man kann das mit einiger Geduld auch im Kommentarteil des Börsenblatts nachlesen.

Zur Kenntnis nehmen wollte das niemand.

Die Antiquare verstopften ihre Ohren vor den Mulzerschen Warn- und Sirenengesängen. Ich sagte ihnen, es gebe nur ein zeitlich beschränktes Fenster, in dem n o c h Gegenmaßnahmen möglich seien - würde das ZVAB erst einmal wie Abebooks von Amazon aufgekauft sein, dann wäre es zu spät zu irgendwelchen Abwehrmaßnahmen.

Nun ist es soweit, die Situation ist da, das Kind ist in den Brunnen gefallen.

Ich hoffe, daß wir hier nicht die üblichen Vertuschungsmaßnahmen im einzelnen aufdröseln müssen, denen ZVAB und Abebooks nun unterworfen werden, demnächst in diesem Theater. Solches ist auch gar nicht ehrenrührig, jeder, Du und ich würde als Portalbesitzer nicht anders handeln. Denn ZVAB und Abebooks bedienen nicht nur teilweise separate Kundensegmente, viel wichtiger ist das unterschiedliche Image der beiden. Ich führe das hier nicht näher aus.

Also wird man einige Zeit beide Töchter separat laufen lassen, aber gerade nur solange, bis die beiden Images und die Kundensegmente zusammengeführt werden können. Denkbar ist auch ein Vorziehen der längst fälligen Verschmelzung mit Amazon. Wie auch immer, am Ende gibt es nur noch einen Riesenwal mit Namen Amazon, der sowohl Alt- als auch Neubücher frißt und noch vieles andere mit. Die Maßnahmen, mit denen das durchgeführt wird, können uns dann im Nachhinein belustigen, denn ohne einige Verlogenheit geht das nicht ab. Ich sehe das aber, um es zu wiederholen, ganz wertfrei, moralische Einschätzungen sind hier nicht am Platz - anders läßt sich die Verschmelzung der zusammengekauften Töchter einfach nicht durchführen. Das sind diffizile Werbe- und Imagefragen.

3.
Nur zögernd bringe ich nun jenes Kapitel Theorie, das keiner der werten Kollegen je begreifen wollte, so oft ich es auch ausgebreitet hatte. Ich meine die Abschottung des deutschsprachigen Altbuchmarkts von den Weltsprachen Französisch und Englisch. Im Weltmarkt gibt es immer Auswege und Hilfsmittel, kein Monopol kann wirklich greifen im Feld der erdumspannenden Weltsprachen.

Anders mit unserem strikt und fast ausnahmslos auf Deutschland, Österreich und die Schweiz beschränkten Lesemarkt. Es gibt für uns keinerlei Auswege - wer im deutschen Altbuchmarkt ein Quasimonopol hat, den kann man von einer gewissen Stufe ab nicht mehr bekämpfen. Es gibt für uns keine Auswege, keine Bündnisse, keine Märkte in der Welt, nur unser deutsches Sprachgebiet.

Ich hatte mit einiger Häme auf die beflissene, aber völlig sinnlose und absurde Einbeziehung italienischer, spanischer, französischer Bücher in die kleineren deutschen Altbuch-Portale reagiert und halte das auch heute noch für eine Art antiquarischer Hamsterrädchen-Therapie: Keine Seele kauft ein italienisches Altbuch bei uns, und selbst antiquarische Bücher aus dem englischen Sprachbereich machen den Braten nicht fett. Wenn wir vom internationalen Feld bibliophiler Spitzenware absehen, dann dümpeln fremdsprachige Umsätze im Antiquariat unter 5 % vor sich hin. Das sind Größen, die vernachlässigt werden können.

Wir haben also im deutschen Buchbereich, Abteilung Antiquariat, eine ganz fürchterliche, völlig ausweglose Situation, wenn es um Monopolfragen geht. Es ist wichtig, dies im Hinterkopf zu haben, weil kein ausländischer Antiquar uns versteht, wenn wir ihm das nicht erst einmal klargemacht haben.


4.
Die Übergangszeit, die Amazon zur Zusammenführung von ZVAB und Abebooks benötigt, ist unsere letzte Chance, um die Monopolisierung noch aufzuhalten. Es ist die a l l e r l e t z t e Chance.

Ich habe mir nun überlegt, wie diese Zeitspanne genutzt werden könnte.

Die allgemeinen Voraussetzungen sind bekannt, die unser Gewerbe bestimmen. Da ist zunächst einmal die qualitative Staffelung vom einfachsten Kistenschieber und Flohmarkthändler bis zum esoterischen Messe- und Versteigerungsexperten, vom Allgemein- bis zum Fachantiquar, vom Ladenhandel bis zum reinen Internetverkäufer. Diese unendlich verwickelten Strukturen, auf deren Berücksichtigung überempfindliche Kollegen stets mißtrausch drängen, machen jedes gemeinsame Handeln fast unmöglich. Nicht einmal innerhalb der Schichten herrscht Solidarität. Ich kann mir kein anderes Gewerbe vorstellen, das ähnlich zerstritten ist, vom Kunsthandel vielleicht abgesehen - dort geht es ähnlich zu.

Also muß jede Planung diese innere Zerklüftung berücksichtigen. Ich kann verstehen, wenn das Börsenblatt versucht, eine freundliche Wohltemperiertheit sich selber und den Lesern vorzugaukeln, aber der Versuch ist von rührender Vergeblichkeit. Die Antiquare sind kein Berufsstand, sondern eine Schar sensibler Oberprimanerinnen um 1900 nach dem ersten Ball, gegeneinander und miteinander je nach Stimmung, Eigeninteresse, Laune und Vorurteil handelnd. Von den unterschiedlichen Bildungsständen ganz zu schweigen.

Ich gehe von folgenden Grundgedanken aus:

Qualitative Verbesserungen der Titelaufnahmen bringen wenig. Sie sind wünschbar, der Kunde merkt das aber kaum. Eher schon würde ein verstärktes Scannen, ein Fördern der Bebilderung manches bringen, aber alle Veränderungen dieser Art wirken sich nur langfristig aus. Diese Fristen haben wir nun nicht mehr.

Preisaktionen nützen auch nichts. Selbst wenn in einer kleinen Datenbank "alle Bücher 10 % billiger" angeboten würden, wäre der Mehrabsatz minimal, der Werbeeffekt eher gering. Wir düfen da nicht von Maßnahmen, die im Einzelgeschäft oder auf Messen recht wirkungsvoll sein können, auf einen ganzen Markt schließen.

Es bleibt uns nur ein I m a g e - Feldzug, der in seiner Schlagkraft die Monopoltendenz der nun entstandenen Abebooks-ZVAB-Amazonkrake e n t l a r v t und die Monopolisierung b e n e n n t.

Jetzt dürfen wir, wenn auch ähnlich hilflos wie die weinende Hexe auf dem Karren, der sie zum Scheiterhaufen führt, vor aller Welt ausrufen, daß ein Monopolist im deutschen Lesebereich entstanden ist, daß sich ein ganzes Gewerbe im Würgegriff einer Firma befindet.

Nun kann man aber mit Negativwerbung nur wenig erreichen. Wie, so sollten wir uns jetzt fragen, können wir den Sachverhalt ins Positive wenden und argumentativ eine helle, freundliche Botschaft herüberbringen, die im Kunden die gleiche Überzeugungsarbeit leistet wie eine flammende Anklage, die negativen Aspekte einer Jammer-Werbung indes vermeidet?

6.
Die Antiquare müssen jetzt endlich, angesichts der drohenden Gefahr, als Gesamtheit, als Berufsgruppe einheitlich auftreten.

Ich sehe folgenden Weg: Die Genossenschaftsdatenbank ist portaltechnisch und graphisch ganz ordentlich. Jedenfalls taugt sie aus dem Stand dazu, als neues Gemeinschaftsportal adoptiert zu werden.

Von der Genossenschaftsdatenbank muß also ausgegangen werden. Vermutlich sollte sie für die vorgeschlagene Aktion ein weiteres Mal umgetauft werden, das ist aber nicht zwingend.

Die Datenbank, deren juristische Nöte als Genossenschaft offenkundig waren, wird auf eine vernünftige Weise überführt in einen V e r e i n oder doch mit einem Verein assoziiert.

Als Mitglied in diesem Verein können/sollen alle Antiquare A n t e i l e an der Datenbank erwerben. Die Anteile können jeden Betrag zwischen 5 Euro und "unbegrenzt" umfassen.

Es geht also n u r darum, daß j e d e r Antiquar Mitglied im Verein ist und einen Anteil an der Datenbank besitzt, wie groß er auch sein mag.

Dann nämlich können wir damit werben, daß sich die neue Datenbank/ das Verkaufsportal im Besitz aller oder doch sehr vieler Antiquare befindet. Wir dürfen dann werben damit, daß es

"Das Verkaufsportal der deutschen... Antiquare" ist.

7.
Dieses neue Gebilde versieht man dann mit allen nur denkbaren Werbe- und Imagemaßnahmen.

Ich halte ein solches Vorgehen für erfolgversprechend, weil die Akzeptanz eines Bücherportals heute, anders als noch zu Heinisch' Zeiten, nur und nur und nur eine Frage des Images ist. Durch die Wendung der (negativen) Anklage gegen das neue Monopol in ein (positives) Gemeinschaftsbild derjenigen Datenbank, die allein im Besitz der Antiquare ist, und zwar möglichst "aller", wird eine Mélange aus

*David gegen Goliath

und

*Wikileaks gegen die USA

geschaffen - vermutlich unsere lezte Chance.



Nachschrift: Eben lese ich mit leiser Rührung den "Zeitfenster"-Meinungsaufsatz von Redakteur Biester aus 2009, siehe seinen Link gestern im Börsenblatt. Der Ausbau unserer Web2-Strukturen, vor allem die Verbundidee der Kollegenwebseiten, wäre tatsächlich eine echte Chance gewesen. Was ist denn nur aus den 15 RFMeyerschen Antiquaren vom "Webseitenbündnis" geworden, um nicht zu sagen: Welcher Teufel hat sie geritten, daß sie die gute Grundidee so schmählich verlassen und verraten haben?

Für solche Maßnahmen aber ist es nun zu s p ä t. Man muß jeden warnen, der noch immer glaubt, gegen die kommende Super-Datenbank hätten einzelne Webseiten noch eine echte Chance. Es tut weh, diese Idee jetzt beiseite stellen zu müssen, abr es führt, so meine ich, kein Weg daran vorbei: Entweder jetzt blitzartig die Gegen-Datenbank aller Antiquare aufstellen - oder die Schlinge zieht sich zu.